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MUSIK

Irre Schwestern: CocoRosie im Gespräch
Freitag, 4. September 2009
Reizend, verrückt, bizarr entrückt und naturverbunden – die Schwestern Bianca und Sierra Casady alias CocoRosie machen Musik mit Föhns, Kinderspielzeug oder anderen lärmenden Dingen. Alles, bloß nicht konventionell. Wir trafen sie kurz vor dem ausverkauften Konzert in München.

curt: Ihr habt den Begriff „creative vandalism” erfunden, um eure Musik zu beschreiben.

Bianca: Der Vandalismus kommt für uns aus der Punk- Musik, in der sich keiner darum kümmert, ob er aneckt oder erfolgreich ist. Es geht um den Dialog und Streit mit dem Mainstream. Das Wichtigste für uns ist jeglicher kreative Impuls.

curt: Wo und wie seid ihr aufgewachsen?
Sierra: Wir sind in verschiedenen Ländern zur Welt gekommen und ganz unterschiedlich aufgewachsen. Einige Zeit verbrachten wir auch zusammen. Ich bin in Iowa geboren. Unsere beiden Elternteile lebten wie Nomaden, wie Zigeuner. Ich zog mit 14 Jahren von zu Hause aus und begab mich auf meine eigene Reise. Ich studierte Chor- und Gospelmusik, klassischen Gesang und Neue Musik.

curt: Dann bist du, Bianca, diejenige, die auf Hawaii geboren ist?
Bianca: Ich bin auf Big Island geboren. Doch wir lebten eine ganze Weile in Kalifornien und später lange Zeit im Süd-westen der USA. Weil wir permanent umzogen, wechselten wir ständig die Schulen. Wir waren immer die Neulinge, was natürlich eine soziale Herausforderung für uns war. Ich genoss es, die Exotin zu sein. Anfangs dauerte es immer, bis uns die anderen akzeptierten, doch meist sind wir vorher schon wieder weitergezogen. Das hat sicher sehr viel zu unserer persönlichen Entwicklung, Individualität und unserem starken Charakter beigetragen. Obwohl wir lange Zeit voneinander getrennt waren, haben wir uns ähnlich entwickelt.

curt: Wie viel Zeit habt ihr als Kinder zusammen verbracht?
Sierra: Eine Weile waren wir mit unserer sehr großen Familie zusammen. Es glich eher einer Kommune, denn wir waren acht Brüder und Schwestern, die alle zu meinem Vater gehörten.

curt: Eure Mutter ist Künstlerin. Was macht sie?
Bianca: Im Moment arbeitet sie an einem Film. Sie hat schon viele Art-Videos gemacht, war aber über viele Jahre hinweg vor allem Malerin und Bildhauerin. Als wir in Kalifornien und auf Hawaii lebten, unterrichtete sie an Rudolph-Steiner- und Waldorf-Schulen, die es ja auf der ganzen Welt gibt. Sie bekam immer neue Lehraufträge und wir gingen mit. Gleichzeitig konnten wir so kostenlos zur Schule gehen oder wurden von ihr zu Hause unterrichtet.

curt: Euer Vater war Prediger oder Schamane?
Bianca: Eigentlich kommen wir aus der Tradition einer Siedler- und Farmerfamilie. Doch unser Vater beschäftigte sich auch mit Musik und indianischen Ritualen. Nächtelang wurden bei uns zu Hause Trommelzirkel, Shantys und Tänze abgehalten, sodass dies ein Teil unseres normalen Lebens war. Unsere Eltern sind sehr naturverbunden. Wir waren in jedem einzelnen Nationalpark der Vereinigten Staaten, haben dort gecampt und sind durch die Wildnis gestapft.

curt: Setzt ihr euch für den Umweltschutz ein?

Bianca: Es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu engagieren. Den einen interessieren Tiere, den anderen die Menschen, mache sorgen sich um die dahinschmelzenden Pole und die Eisbären, andere wollen den Amazonas und die letzten Indianer retten. Fast wie durch eine Fügung kümmert sich jeder um das, was ihm persönlich unter die Haut geht. Wir haben unsere Bestimmung darin gefunden, die kreative Freiheit und Individualität zu fördern. Das ist unsere Offerte an die Welt. Deshalb unterstütze ich junge Künstler auf meinem Plattenlabel Voodoo-Eros.

curt: Auf eurer Website „CocoRosieLand“ verweist ihr immer wieder auf die Kindheit. Michael Jackson wollte nicht erwachsen werden und hatte sein „Neverland“. Seht ihr Parallelen?
Bianca: Wir fühlen uns auf jeden Fall mit ihm verbunden, alleine schon wegen seiner Fantasie. Unsere Beziehung zur Musik, die einen Eskapismus
in fantastische Welten birgt, beschäftigt uns, ähnlich, wie sie ihn beschäftigt haben muss. Er hatte ein großartiges Leben und sein Tod war tragisch. Erst jetzt wird klar, was er in seiner Zeit alles bewegt und der Welt gegeben hat.

curt: Ihr habt zur diesjährigen Tour ein Minialbum, „Coconuts, Plenty Of Junk Food“, verkauft. Was unterscheidet die Lieder vom anstehenden Album?

Bianca: Die Songs auf „Coconuts, Plenty Of Junk Food“ waren Teil des Prozesses, als wir das neue Album konzipierten. Wir haben viel herumprobiert und zu viele Songs geschrieben. Als klar war, was auf dem Album sein würde, ist vieles rausgefallen. Wir wollten das trotzdem unserem Publikum zugäng-lich machen. Deshalb machten wir ein Minialbum für unsere Fans, die zum Konzert kommen. Das neue Album wird unsere ehrliche Laune zum Zeit-punkt der Aufnahmen widerspiegeln. Wir haben uns eine Zeit lang mit mythologischen Dingen, mit Drachen und Hexen beschäftigt. Das hat sich auf die Musik niedergeschlagen, die dadurch etwas dunkler und geheimnisvoller ist als die bisherigen Alben.

curt: Ihr wurdet vor kurzem verhaftet, weil ihr, ohne die Rechte zu klären, auf der Bühne Songs von Britney Spears gecovert habt?
Bianca & Sierra lachen: Was sollen wir dazu sagen? Wir waren übermütig und haben Phrasen auf der Straße aufgeschnappt und in unseren Live-Auftritten verarbeitet. Dabei kamen die obskursten Lieder raus. Es kommt immer auf unsere Laune an.

curt: Hättet ihr Lust, einen Filmsoundtrack zu machen?
Sierra: Das ist ein echter Traum von uns.
Bianca: Wir machen Filme! Gerade drehen wir den längsten, den wir je gemacht haben. Bis jetzt waren wir in unsere Videos nicht so sehr involviert, aber am liebsten würden wir alles selber machen, so wie unsere aktuellen Pressefotos. Wir wollen alle Erfahrungen und kreativen Prozesse selber erleben.

curt: Wenn ihr auf Tour seid, woher nehmt ihr die Zeit für Kreativität?
Bianca: Uns fällt immer was ein. Wir machen zum Beispiel Teepartys.
Sierra: Wir experimentieren zurzeit mit Tee. Wir tragen den Leuten, mit denen wir arbeiten, verschiedene Sorten auf und sehen uns an, was dabei herauskommt, wer was mag und wie die Tees wirken. Es gibt so unendlich viele Sorten! Fast so viele wie Songs!

ARTIKEL ERSCHIENEN IN AUSGABE #61; TEXT: ANGIEBLACK

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