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MUSIK

Die ganz eigene Health-Nische
Dienstag, 6. Oktober 2009
Hat es der Indie-Rockwelt bisher noch an aggressiver, konfrontativer Musik gefehlt, die zudem noch gut, fortschrittlich und vor allem auch melodisch ist, schaffen HEALTH jetzt sensationelle Abhilfe ...

Ein Hype entsteht heute ja relativ schnell, aber selten war er so gerechtfertigt wie
für die vierköpfige Noise Rockband aus L.A., die sich 2006 zusammengefunden hat.
Zunächst waren HEALTH dann erstmal in der DIY-Underground-Szene rund um den
berühmt berüchtigten The Smell Club aktiv, in dem sie 2007 auch ihr erstes Album
„HEALTH“ aufgenommen haben. Nicht nur Musiknerds in zahlreichen Blogs waren
begeistert, hier kennt man sie wahrscheinlich bisher vor allem durch den Crystal
CastlesRemix von „Crimewave“, der seit gut einem Jahr zu jedem Clubabend dazugehört. HEALTH waren seitdem quasi ununterbrochen auf Tour, u. a. mit
eben Crystal Castles oder auch an der Seite von Nine Inch Nails, Of Montreal oder Deerhunter. Und gerade live entwickelten sie sich zu dem Geheimtipp überhaupt.
Erscheint ihre Musik auf Platte manchmal vielleicht etwas unnahbar, so schaffen es
die Mittzwanziger auf der Bühne auch den letzten zögernden Zweifler von ihrem
außergewöhnlichen Talent zu überzeugen. Völlig ekstatische Zustände werden da
heraufbeschworen – der pure HEALTH-Wahnsinn! Kaum waren sich also mehr und
mehr Leute einig, die „Zukunft des Noise“ entdeckt zu haben, zeigten HEALTH
2008 gleich eine weitere Facette und brachten mit „HEALTH/DISCO“ ihr eigenes
Remix-Album heraus. Auf einmal waren HEALTH also auch noch tanzbar! Doch
auch wenn Remixe ein wichtiger Aspekt im Gesamtkonzept der Band sind, so liegt
der Fokus trotzdem immer noch auf der Musik selbst. Deswegen gingen sie Anfang
des Jahres zum ersten Mal in ein richtiges Studio und nahmen mit einem professio-nelleren Ansatz ihr neues Album „Get Color“ auf, das am 18. September bei City
Slang erscheint. Mit dieser wunderschön-verstörenden Platte finden sie eine völlig
neue, eigene Nische. Alle bestehenden Genregrenzen werden einfach rabiat eingerissen.

Die Band zelebriert mutig einen ganz besonderen neuen Sound, voller vielschichtig
ausgetüftelter Klangteppiche. Mit Liedern wie z. B. der ersten Single „Die
Slow“ zeigen sie sich zugänglicher, bleiben aber weiterhin einzigartig. Immer noch
sind sie vor allem eins: laut. Und krachig. Sie einfach nur als Noise-Band abzufertigen, würde ihnen nicht gerecht werden. Auch Elektro oder Disco Punk trifft es nur in Ansätzen ... HEALTH schreiben experimentelle Rocksongs mit großer Liebe zum Detail. Drummer BJ Miller holt sich von Bassist John Famiglietti und Gitarrist Jupiter Keyes regelmäßig Unterstützung an verschiedensten Perkussionsinstrumenten, die den minimalistischen, düsteren und aggressiven Sound unaufhörlich vorantreiben. Mit „Get Color“ gelingt HEALTH eine wirklich faszinierende, gesunde Mischung, mal strotzen sie vor purer, roher Energie, um sich dann aber im nächsten Moment auch verspielt, melodiös und mit einem Hang zur Dramatik zu zeigen – oft überlagert sich auch alles einfach gleichzeitig. Dazu kommt dann noch diese sphärische Stimme Jake Duzsiks, die das Ganze wieder komplett infrage stellt ... So etwas hat es noch nicht gegeben!

Neben „Noise“ und „Disco“ gehört für HEALTH auch „Fashion“ zur künstlerischen
Einheit. Damit sind sie wohl eine der modernsten Indie-Bands, die offen damit
umgeht, wie wichtig in Zeiten der veränderten Plattenindustrie das Standbein Merchandising geworden ist. Auch in dieser Marktlücke bleibt die Band sich und ihrem DIY-Motto treu und geben sowenig Verantwortung wie möglich an andere ab, sei es beim Design der zahlreichen T-Shirts oder dem selbst entworfenen Artwork –
sie inszenieren sich selbst erfolgreich als Marke, mit der sie ihre eigenen Ideen verwirklichen können. Und an Einfällen mangelt es HEALTH sicherlich nicht, wie zum Beispiel der neueste großartige Clou der Band zeigt: 66 ihrer „Get Color“-Alben
sind mit bunten Extratickets ausgestattet, die sich in Fangeschenke umtauschen
lassen, und zwar nicht in irgendwelche banalen, unbrauchbaren Promo-Gimmicks.
„Charlie und die Schokoladenfabrik“ lässt grüßen. Der erste Preis, das goldene
Ticket, bekommt z. B. den Flug nach L.A. bezahlt, um dann vor Ort mit der Band
für drei Tage u. a. auch im Actionpark Magic Mountain oder im Zoo rumzuhängen.
Untergebracht wird der Gewinner bei ihnen im Haus und hat selbstverständlich
eine Frühstück-ans-Bett-Garantie. Außerdem verlosen sie einen gemeinsamen Telefonstreichanruf bei einem anderen Indie-Star, Bastelstunden per Video-Chat,
LPs mit Blutautogrammen, die Locke eines Bandmitglieds, eine astrologische Beratung von Jupiters Mutter und noch 60 andere wirkliche Wahnsinnspreise. Nähere Informationen dazu, Fragen oder Kritik einfach bitte an Ringo Starr (1st Floor 90 Jermyn Street, London SW1Y6JD, United Kingdom) schicken, denn HEALTH
lassen ihre gesamte Fanpost an den Ex-Beatle richten, seit dieser in einem Interview
seinen Fans mitteilte, nunmehr bitte keine Zuschriften erhalten zu wollen.


Es gibt noch unzählige weitere nette Anekdoten zu HEALTH, z. B. dass sie unlängst,
ähnlich wie einst Pink Floyd in dem Musikfilm „Live at Pompeii“, auch ein Konzert
ohne Publikum gefilmt haben, und zwar in einem der ältesten Kinos Deutschlands,
dem UT Connewitz in Leipzig, das kurz vor der Schließung steht. Bevor man sich
diese DVD aber irgendwann anschauen kann, gibt es im Herbst erstmal wieder
Shows mit Publikum in Deutschland. Da neueste Untersuchungen erwiesen haben,
wie wirksam Musik in der Medizin eingesetzt werden kann und Ärzte sie daher
immer häufiger verschreiben sollen, kommen HEALTH dann ja jetzt gerade recht.
Vielleicht bezahlt die Krankenkasse sogar das Konzertticket, aber selbst wenn nicht,
solltet ihr der Einladung zu ihrem Klangfest-Abenteuer auf jeden Fall folgen, denn
die Chancen stehen gut, dass der bandeigene Slogan Wirklichkeit wird: You Will
Love Each Other!



TEXT: JULIA GERECKE; FOTO: CITYSLANG

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