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Schwabinger 7: Todgesagte leben länger:
Montag, 9. März 2009
Ich war die Unschuld vom Lande, gerade 17 Jahre alt, als ich zum allerersten Mal mit ihr in Berührung kam. Seitdem bin ich süchtig. Ohne Chance auf Entzug. Es gab zwar Phasen, da musste ich ihr notgedrungen für längere Zeit entsagen. Aber letztendlich konnte ich ihr nie völlig den Rücken kehren. Bis zum heutigen Tag ist sie der Ursprung unzähliger magischer Momente und verantwortlich für die Lösung manch aussichtsloser Probleme. Ich rede von der Schwabinger 7, der satanischsten Droge und satyrischsten Kneipe der Welt.

Das Ende der Schwabinger 7 wurde häufiger prophezeit als die utopische Wiederkehr der 60er in die Fußball-Bundesliga. Doch seit sechs Jahrzehnten trotzt die altehrwürdige Bauschutt-Baracke wie ein rüstiger Rentner dem Exitus.

Durch glückliche Umstände, sei es von Seiten der Stadtwerke, der Politik oder der Konjunkturflaute, blieb die Schwasie bis dato von der Abrissbirne verschont. Erst kürzlich verdichteten sich erneut Gerüchte, dass im März nun endgültig Schicht im Schacht sei. Unter anderem sollten außerdem das Monopol Kino, der Zoo York-Store und Mamas Kebap Haus weichen und einem neumodischen Nix zum Opfer fallen. Profitgeile Spekulanten planen also, mir mein Kulturprogramm, meinen Shirt-Lieferanten und meine nächtliche Imbissanlaufstelle wegzunehmen? Ok, das wäre zu verkraften. Aber meine Lieblings-Boazn? Das geht wirklich zu weit, da können sie mich ja sofort ins Löwen-Stüberl verfrachten. Oder gleich das Herz rausreißen!

Da es kreuz und quer lediglich Widersprüchliches zu berichten gab, traf ich mich mit Max, immerhin seit 1983 Betreiber der Schwasie, um mir glaubwürdige Gewissheit zu verschaffen.

Vor allem die letzten 15 Jahre wiederholte sich das Spielchen laufend: Die verschiedensten Vermieter setzten 3-Jahres-Mietverträge auf; liefen diese schließlich aus, musste Max aufs Neue um die Zukunft seiner einmaligen Bar bangen. Als sich im Sommer 2008 eine gesichtslose Immobilienklitsche das Areal unter den Nagel riss, sah es für die Zukunft abermals genauso zappenduster wie im Inneren der Schwasie aus. Besitzer Manila und sein Teilhaber Max fassten einen Notfallplan. Sie spürten eine alternative Location auf, wo sie sich erhofften, an das Erbe der in absehbarer Zeit verblichenen Bierhöhle anknüpfen zu können. Aber würde der neue Laden seinem in zahllosen Köpfen verankerten Namen alle Ehre machen oder müsste man ihn umtaufen? Würde sich der Geist der seligen Spelunke beim Gedanken an jene gewaltsame Emigration nicht im Grabe umdrehen? Was macht das dunkle Geheimnis und die absonderliche Anziehungskraft der Schwasie aus?

Damals, als ich, ein unverdorbener Teenager, auf einem versifften Barhocker in der Schwasie Platz nehmen wollte, trat ich auf etwas Weiches. Ein abgefuckter Typ, der sich anscheinend mehr wie bloß gehörig Gerstensaft eingefahren hatte, lag mir bewusstlos zu Füßen. Mein Kumpel und ich grinsten uns an. Wir fühlten uns verwegen und verrucht unter den ganzen obskuren Gestalten. Die suspekte
Stimmung und das schummrige Kerzenlicht faszinierten uns einerseits und erinnerten andererseits an das Plumpsklo des Teufels.

Es hat sich natürlich einiges gewandelt. Wer heutzutage meint, die Schwasie wäre ein reiner Rockerschuppen, wo sich 100 Jahre Zuchthaus die Klinke in die Hand geben, ist wohl nie richtig in die nebulöse Atmosphäre des pechschwarzen Bunkers eingetaucht. Manila fungierte fast zwei Jahre und 7 Tage die Woche als Türsteher, bis er harte Drogen und Dealer wie den Finger-Hans komplett aus der Schwasie verbannt hatte. Max ist keiner, der gern in der Vergangenheit schwelgt und den harten Zeiten des Spitzeltums und der ständigen Schlägereien nachtrauert. Er ist stolz darauf, dass die Bude weiterhin rockt. Und das belegen nicht nur die knapp 30.000 Raucherausweise, die innerhalb von 6 Monaten an den Mann bzw. die Frau gebracht wurden, sondern auch die dutzendfach ausgeschenkten 50-Liter-Fässer, die sich allwöchentlich im Hof stapeln. Drinnen wippt ein Querschnitt durch sämtliche soziale Schichten zum größtenteils gitarrenlastigen Sound. Max stockt seine gigantische Musiksammlung beharrlich auf. Obwohl er gerade eher auf Balkan-Pop abfährt und mittlerweile allergisch auf AC/DC-Musikwünsche reagiert, schafft er es immer wieder, den Gemütszustand seiner heterogenen Zuhörerschaft in die passenden Bahnen zu lenken.

An vier Tischen vermischen sich adrette Naturwissenschaftler im Jackett mit langhaarerten Metal-Freaks, oder es versuchen sich jugendliche Promillesünder an aufgepimpten Szene-Chicks. Potenzielle Berührungsängste sollte man lieber daheim lassen. Denn selbst wenn man einzeln unterwegs ist, kommt man in den engen Räumen schnell auf Tuchfühlung. Ich habe hier schon die philosophischsten Gespräche geführt und im letzten Fasching den romantischsten Schieber meines Lebens mit einer honigsüßen Biene Maja auf die Fliesen gelegt. Es liegt eine schwer zu beschreibende Aura in der Luft. Und die resultiert definitiv nicht allein aus den Lampen, die wie futuristische Kirchenfenster anmuten. Oder aus den mit eingekerbten Hieroglyphen übersäten Wänden. In den alten Gemäuern der Schwasie steckt, was wohl keine der trendigen Lounges und austauschbaren Schickie-Mickie-Treffs jemals für sich beanspruchen wird: nämlich eine Seele.

Übrigens, bei unserem Treffen erzählte mir Max Story um Story aus seinem enormen Erlebnisfundus: z. B. warum die Schwasie aufgrund einer verlorenen Wette für einen Tag in einem altrosafarbenen Anstrich erstrahlte. Und warum ein Monochord, das man auf die Seitenlängen der Schwasie gestimmt hat, harmonisch klingt. Die wichtigste Info hob er sich jedoch bis zum Schluss auf: Nur Stunden, bevor der Vertrag für die Ersatzkneipe beschlossene Sache gewesen wäre, hat Max von der Mietverlängerung bis Ende 2009 erfahren. Demnach zeigt sich die Rezession von ihrer guten Seite. Noch einmal ist die Schwasie dem Tod von der Schippe gesprungen. Es lebe die Immobilenkrise, lang lebe die Schwabinger 7!



Artikel erschienen in Ausgabe #59


TEXT: CHRISTOPH BRANDT; FOTO: TAMMO VAHLENKAMP

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