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# 58 |
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Montag, 13. Oktober 2008 |
VORWORT
Zugegeben, nichts ist billiger als jetzt noch etwas über das vergangene Oktoberfest zu schreiben, wo wir uns sozusagen gerade in der Latenzzeit zwischen zwei Wiesn befinden.
Im Winter und Frühjahr hat man die Scham, die einen zuverlässig nach zwei Wochen Oktoberfest überfällt, gerade erst verdrängt, die Vorfreude auf das nächste Mal ist jedoch noch nicht richtig erwacht. Unsere Wiesn-Libido macht also gerade Pause. Und deshalb ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt,
sich noch einmal die Wonnen, die einem diese Zeit beschert hat – und jedes Mal wieder aufs Neue bescheren wird – in Erinnerung zu rufen.
Ich denke zum Beispiel an die Frau mittleren Alters, die inmitten der wie zähe Lava an ihr vorbei fließenden Menge steht, ihr Handy mit der Sprechseite nach außen am Ohr hält und ohne erkennbaren Grund minutenlang und mehrmals
das Wort „Schneider“ hineinschreit.
Ich denke an den Rheinländer, der sich an seinen Kollegen lehnt – beide tragen riesige Plüschbierkrugmützen auf ihren Köpfen – und diesem, stur auf den Boden starrend, folgendes Kompliment macht: „Ich kann Dich gar nicht … sagen ... wie sehr ich ... tief … dankbar bin ... tief dankbar bin … für allen ... also … was du mich alles ... geholfen hast. ... Genau.“
Und wie der Kollege eine Träne verdrückt, sich mit einem aus tiefster Seele rollenden Rülpser gerade noch fängt, bevor er sich seinen Emotionen hingeben muss.
Und dann ist da noch der junge Bursche in voller Tracht, der an der U-Bahn-Station steht und schwankt, als wäre er auf einem kenternden Schiff. Er konzentriert sich ehrfürchtig auf eine Senf-verschmierte Semmel, aus
der ein Bratwurstzipfel heraushängt. Immer, wenn er auf der einen Seite von ihr abbeißen will, rutscht die Wurst an seinen Zähnen ab und am anderen Ende wieder aus der Semmel heraus. Geduldig beißt er immer wieder vorne und hinten an der Semmel herum, bis die Wurst nach einer unbedachten Bewegung komplett herausrutscht und vor ihm auf den Boden fällt. Der Bursche
stutzt kurz, wirft die Semmel weg und hebt die Wurst langsam vom Boden auf. Er führt sie mit einer unendlich zähen Bewegung an seinen Mund und beißt ein Stück von ihr ab. Und während er mit kuhgleich mahlenden Bewegungen seine Wurst kaut, breitet sich auf seinem Gesicht ein triumphales Sieger-Grinsen aus.
Das sind die Geschichten, aus denen richtige Volksfeste gemacht sind. Und das Oktoberfest, unbestritten die Königin aller Volksfeste dieses Universums, hat einfach zu viele solcher Geschichten parat, um sie nach wenigen Wochen wieder zu vergessen. Deshalb ein dreifaches Prosit und den Bayerischen Defiliermarsch bitte.
Und ich hole mir derweilen schon mal einen Schnaps.
Euer Thomas
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