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MAGAZIN

curt im Ausland – Sahara
Donnerstag, 11. Dezember 2008
Raus aus der Zivilisation, rein in die Welt.
Wer ist eigentlich so beknackt und latscht freiwillig 100 km durch die glühend heiße Sahara, und gibt dafür noch Geld aus, sich eine Woche nicht zu duschen, keinen Kühlschrank in der Nähe zu haben und im Schlafsack zu pennen? Wir. Wenn mich jemand fragen würde, ob ich die Reise weiterempfehlen könne, würde ich sagen: just do it! Aber vielleicht würde mich derjenige später auch hassen. Oder lieben. Man weiß nie.


tag 1

Die Wüste von Mauretanien. Ein Lager unter einem Akazienbaum, der spärlich Schatten spendet – Sand, Wind. Wir schlafen. Heute morgen Ankunft in aller Herrgottsfrüh in Atar, einer Provinzstadt mitten in der Sahara. Nachtflug mit wenig Schlaf. Viel Behördenkram bei der Einreise, typisch für die Bürokratie in Dritte-Welt-Ländern. Danach Kennenlernen der Gruppe bei Caravane du Desert. Fünf Frauen und wir beiden, mein Kumpel Roland und ich, dazu unsere Führerin, Susanne, die Astronomin, und Mahmoud, der heimische Guide. Wir werden auf zwei Geländewagen verteilt. Offroad vom Härtesten. Wir sehen Felskonstellationen wie im Monument Valley, 5000 Jahre alte Höhlenmalereien – und sonst viel Stein, viel Staub, viel Sand. Drei Millionen Einwohner hat Mauretanien und das Land ist dreimal so groß wie Deutschland. Kein Wunder, dass hier kein Mensch nirgends ist. Es ist nicht heiß, vielleicht 28 Grad, angenehmer Wind, weniger angenehme Fliegen. Hygiene findet nicht statt, Komfort in homöopathischen Dosen. Jetzt, wo man auf der Matte liegt, gegessen hat und ausruht, hat man plötzlich keine Bedürfnisse mehr. Entschleunigung.

Unser erstes Nachtlager. Noch brütet die Sonne über unseren Zelten. Rufe auf Arabisch – das Karawanenpersonal trifft mit den Dromedaren ein. Hier sackt man so tief in den Sand ein, dass selbst der härteste 4x4 nicht weiterkommt. Wir tragen den Chèche, eine Mischung aus Turban und Halstuch. Kunstvoll um den Kopf gewickelt, schützt er vor Sand und Sonne. Außerdem sehen wir schon viel wüstentauglicher aus. Es hat ein bisschen was von Lawrence von Arabien.
Roland hat ein Schachspiel mitgenommen. Also liegen wir auf unseren Matten und spielen in den Ruhepausen eine Partie nach der nächsten. Im Moment liege ich knapp in Führung, 3:2, aber das kann sich schnell ändern.

PS: Heute ist der zweite Tag ohne Zigarette, und ich hab fast nicht dran gedacht zu rauchen. Unglaublich.


tag 2

Unsere erste Wanderung. Aufstehen zum Sonnenaufgang. Klamotten und Zelt zusammenpacken, ein schneller Kaffee, etwas Brot, dann los. Es ist lächerlich, aber die Sahara ist tatsächlich so abwechslungsreich, wie in vielen Berichten zu lesen ist. Allein die ständigen Höhenunterschiede, fast ist es eine Bergwanderung. Viel geht über Stein und rauen Fels, teilweise wird es richtig steil, Tirol lässt grüßen. Die Klischee-Sahara, die man so im Kopf hat, mit Dünen und einem endlosen Meer aus Sand, sieht man auch, aber sie ist bei Weitem nicht so dominant, wie man denkt. Ich trinke ca. 6 Liter Wasser täglich, aber man merkt kaum, dass man schwitzt. Es weht ein ständiger Wind, fast wie an der See kühlt eine Brise, ideal zum Wandern. Wir gehen teilweise ein ordentliches Tempo, aber ich empfinde es wie eine Meditation, irgendwann verliert man seinen Willen, seine Gedanken, sein Ich, man geht wie in Trance, man geht, man geht.
Fein setzen sich die Körnchen unter die Fingernägel, kleben auf der Gesichtshaut, besuchen die Zahnzwischenräume, gucken in den Nasenhöhlen vorbei und machen es sich ansonsten auf der ganzen Kleidung bequem. Zähneputzen im Freien, Händewaschen mit Sand. Man kann keine Hilfe herbeitelefonieren, auch nicht mal schnell eine SMS schreiben, dass es einem gut geht. Wir sind auf einen Führer angewiesen, der das Land kennt, denn Hinweisschilder sind hier ebenso Fehlanzeige wie Straßen, Tankstellen, Häuser, irgendwas. Hier beginnt die Welt wie sie eigentlich ist – ohne uns. Und sie scheint nichts wirklich zu vermissen.

Susanne erklärt uns jeden Abend den Sternenhimmel. Der Orion, der große Wagen, der Löwe, die Kassiopeia. Man lernt den Nordstern aus der Verlängerung des großen Wagens zu bestimmen, aber was man wirklich lernt ist, wie klein wir sind, wie unbedeutend. Für Sterne (selbstleuchtend) und Planeten (angeleuchtet) ist das Geschehen hier unten so was von total egal, es tut schon nichtmals mehr weh, es amüsiert eher. Es war ein schöner Tag heute, eigentlich ein richtiges Geschenk und ich hab immer noch nicht geraucht.


tag 3

Wir sind heute gut 10 km gegangen. Das letzte Stück war Belohnung für einen entbehrungsreichen Tag. Schon mittags im ersten Wadi (ausgetrockneter Flusslauf) kündigte sich die Hitze an, die sich wie eine schwere Decke über die Landschaft legte. Die letzten Kilometer ging es dann tatsächlich ins Dünenmeer, in die Sahara, so wie man sie von unzähligen Bildern her kennt. Dünenberge, Dünentäler, vereinzelt kleine Sträucher, die wo auch immer im Sandboden Halt finden. Eine Landschaft ohne scharfe Kanten, nur Milde, Reinheit, Schönheit.


tag 4

Nach Betrachtung von Rolands Füßen lautet die Diagnose: 12 Blasen, eine blutgetränkt. Sein Schlafsack fiel irgendwo vom Kamel, also verbrachte er eine eiskalte Nacht mit 6 Jacken übereinander gezogen auf der ISO-Matte. Sagte ich schon, dass die Nächte in der Sahara tatsächlich arschkalt sind? Soviel man tagsüber schwitzt und trinkt, so intensiv empfindet man nachts ohne festen Schlafsack die Kälte. Einer der Führer geht mit einem Kamel die ganze Strecke zurück, er braucht dafür die ganze Nacht, zum Frühstück ist er wieder zurück und setzt sich wortlos ans Feuer. Alle schauen ihn erwartungsvoll an, doch er sieht uns scheinbar nicht, er hockt sich zwischen die anderen Kameraden, als käme er grad vom Holzsuchen. Schließlich sagt Mahmoud, unser Führer, ja, er hat ihn, ganz zu Anfang der Etappe fiel er unbemerkt vom Kamel. 10 km hin und 10 km zurück, alles durch die stockfinstere Sahara, mir wird plötzlich klar, dass der Beruf des Fährtensuchers einst unendlich kostbar gewesen sein muss. Und mir wird auch klar, dass es Gegenden auf der Welt gibt, wo selbst einfache Dinge wie ein Schlafsack es noch wert sind, dafür 20 km durch die Nacht zu gehen.


tag 5

Gestern, am späten Nachmittag, tauchte nach einem glutheißen Tag und schweren Gängen über hohe Dünenkämme aus dem Nichts eine Oase mitten im Sandmeer auf, wie arrangiert für den Wanderer, der vor lauter Erschöpfung irgendwann alles glaubt, was er sieht. Aber sie war real und beinahe kitschig schön, ein klassisches Postkartenmotiv. Susanne erklärt uns, dass ca. 10 Familien in der Oase wohnen, einige ihrer Mitglieder schlagen ihren Bauchladen neben unserem Nachtlager auf. Ketten, Armreifen, Teekannen, Dolche und Coca Cola-Dosen bieten sie an, genügsam, hier bettelt keiner oder drangsaliert den Reisenden mit seinem Angebot. Ruhig sitzen sie da und schauen uns an, ein bisschen neugierig, ein bisschen erwartungsvoll, es sind angenehme Menschen, die Mauretanier, höflich, fröhlich, gastfreundlich – lieb.
Heute haben wir mehr oder weniger einen Ruhetag eingelegt, und dass tut vor allem Rolands Füßen gut. Blutunterlaufen und voller Wundflüssigkeit zwingen sie ihn zum Nichtstun. In den geschwungenen Formen der Dünen sieht er abwechselnd einen schön schaumig geschlagenen Cappuccino oder ein eiskaltes Häagen Dazs- Eis. Aber hier gibt es keinen Strom, also auch keinen Eisschrank und schon gar kein schlürfiges Eis. Unsere Getränke sind entweder lauwarm oder warm oder heiß. Ich träume von einem schönen, eiskalten Bier, ein herrlich frisch gezapftes Pils mit perfekter Schaumkrone, daß eiskalt meine Kehle runterläuft.

So langsam wäre eine Dusche ganz gut, eine Rasur. Innerhalb von einer Woche ist man von einem halbwegs zivilisierten Mann zur Wildsau degeneriert. Die Hitze, die unmenschlich brütende, tut ihr Übriges, die Sehnsucht nach einem kalten Swimming-pool, nach einem Eisschrank und nach einer Bar ins unermessliche zu steigern.


tag 6

Brütende Hitze, zahllose aufdringliche Fliegen, der Schatten eines Akazienbaums, unsere Matten, unser Lager. Seit einer Woche keine Zigarette, im Schach steht es mittlerweile 5:4 für mich.
Natürlich ist mein Eindruck von den Mauretaniern nur sehr oberflächlich, aber wir fühlen uns wohl unter ihnen. Der Konflikt zwischen dem Westen und dem islamischen Fundamentalismus, all das scheint sehr weit weg. Sie üben auf ganz natürliche Art ihre Religion aus. Ohne großes Bohai richten sie sich nach Osten, gehen auf die Knie, sprechen ihre Gebete, berühren mit der Stirn den Boden und stehen wieder auf. Es erinnert mich in seiner Selbstverständlichkeit an die Art, wie früher meine Mutter das Tischgebet sprach. Die Frauen sind verhüllt, natürlich, aber mir scheint mehr, um sich vor Fliegen, Sand und der Hitze zu schützen. Wie selbstverständlich nehmen sie zwischendurch die Kopfbedeckung ab, entblößen die Haare und arrangieren alles wieder neu. Die jungen Frauen flirten sogar ein bisschen, ihre Gesichter sind stets unverschleiert. Und man sieht: Es sind schöne Menschen mit feinen Gesichtszügen. Hier mischt sich die arabische Kultur mit den Berbervölkern und Zentralafrikanern. Man sieht sich nicht satt an ihnen, wenn ich ihre Gestalt beschreiben müsste, dann würde in erster Linie das Wort „Anmut“ fallen.


tag 7

Ankunft in Chinguetti, einer Stadt mitten in der Sahara mit ca. 30.000 Einwohnern. Häuser im maurischen Stil, gebaut aus braunem Lehm und Stein, staubige Sandstraßen und Wege ohne feste Aspahlt-Decke oder Pflaster, Müll liegt allenthalben einfach herum. Der Ruf des Muezzins über den Dächern. Ansonsten ist es ruhig in der Mittagshitze, wir liegen in den Zimmern einer Herberge, das erste Mal seit Tagen genießen wir so etwas wie Wohnumgebung, knapp 100 km Wüste liegt hinter uns, wir haben es geschafft.



Alle Fotos dieses Reiseberichtes findet ihr auf
http://wuestenwanderung.blog.de/




TEXT: Markus Rieger; FOTO: Roland Frechen
Artikel erschienen in Ausgabe #58

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